Heute darf ich wieder eine ganz wunderbare Kurzgeschichte des Autors Marc Steinbach mit euch teilen, die mich sehr berührt hat und uns die ein oder andere Sache über das Glücklichsein lehrt.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!


Es war einmal ein verwunschenes kleines Wäldchen, erfüllt vom sanften Gezwitscher der Waldvögel, die hoch oben in den Baumkronen sehnlichst den Sonnenaufgang begrüßten. Weit unter ihnen fleuchten Eichhörnchen über den bemoosten Boden, schwer mit Tannenzapfen bepackt. Eine Igelmutter raschelte mit ihren Kindern unter den herabgefallenen Blättern, verschmitzt lugten einige Nasen hervor und atmeten tief die erste Wärme des Tages ein. Auf einer sonnendurchfluteten Lichtung labten sich furchtlos Rehe an den noch vom Tau benetzten Gräsern und Sträuchern. Der morgendliche Nebelschleier war schon vor einiger Zeit gewichen, doch vereinzelt hielten sich noch milchige Schwaden im Geäst der uralten Waldriesen. Einer der kleinen Igel trollte zu dem kleinen Bach, der fröhlich plätschernd seine Bahnen zog. Beinahe unbemerkt erblickte er unter Flechten ein sachtes Funkeln. Verborgen in der Stille der Heimlichkeit überdauerte es dort die Gezeiten.

Nur ab und an, in Augenblicken wie diesem, wenn ein Sonnenstrahl durch die Wipfel, den Dunst gedrungen war, brach das Licht an den unzähligen zarten Konturen des Kristalls und lüftete sein verborgenes Geheimnis. Wenn im Frühling der erste Regen fiel, der Feuertrabant den kristallenen Schatz nicht bedachte, wenn im Winter das frostige Weiß ihn zu verstecken, in dunklen Schlaf zu hüllen versuchte, ward ein Glühen offenbar, das unablässig tief im Innern glimmte. Vorsichtig tastete sich der kleine Waldbewohner immer näher an das funkelnde Kleinod heran.

Verspürte er anfänglich Angst, so wusste er doch instinktiv, dass es nichts gab, was er hier zu fürchten brauchte. Neugierig betastete er mit seiner Nase das glänzende Geheimnis, als ein durchdringendes Gefühl wohliger Sicherheit ihn erfüllte. So unvermittelt es sich auch in sein Bewusstsein schlich, erkannte er diesen Keim schon sein Leben lang in sich zu tragen. Nur schwer konnte er sich von diesem bezaubernden Etwas losreißen, als der Ruf seiner Mutter ihn erreichte. Glücklich stieß er wieder zu seiner Familie, während ein sachtes Funkeln aus seinen Augen schimmerte.

Den heißen Sommer hindurch besuchte er diesen Ort immer und immer wieder, nachts bevor er sich aufmachte seinen Hunger zu stillen, manchmal auch früh morgens, wenn das erste Licht schon sanft über den Horizont kletterte. Seine Mutter, erst beunruhigt über die Abwesenheit des Jüngsten, bemerkte die Ruhe und Zufriedenheit die er stets nach seiner Rückkehr in sich trug. Sie wusste nicht was er all die Monate tat, wo er seiner Wege ging, doch das sachte Funkeln hatte auch sie berührt, sie erfüllt. Als einer der nächsten Sommer zur Neige ging und die Sonne das gläserne Gefäß nur noch selten mit ihren Strahlen bedachte, die Kälte der Nacht die Blätter absterben ließ, saß der inzwischen ausgewachsene Igel wieder an seinem Platz am Bach. Er rollte sich unter dem Laub zusammen, mit Blicken sein Geheimnis suchend. Der helle Schein war nirgends auszumachen. Unruhig schob er die vermodernden Blätter zur Seite. Dort lag immer noch der Kristall, doch nur noch matt zeigte sich das Glühen.

Verunsichert legte er sich ganz nah, doch nichts geschah. Jeden Tag kehrte er nun zweimal wieder, aus Angst der wärmende Quell könnte erlöschen, würde so unerwartet verschwinden, wie er ihn einst entdeckte. Bei jedem seiner Besuche war der Schein schwächer geworden, bis im tiefsten Winter nur noch ein kleiner lodernder Punkt übrig geblieben war. Sein Herz wurde schwer, traurig stupste er den Kristall mit seiner Nase, blickte sich hilfesuchend um. Doch niemand war in der Nähe, der Wald war in den eisigen Schlaf des Winters hinab geglitten. So legte er sich neben sein Geheimnis, schloss die Augen und erinnerte sich jedes einzelnen Moments den er hier verlebt hatte. In seinen Träumen sah er das sachte Funkeln deutlich vor sich, verspürte es tief in sich und ward sich bewusst, dass nicht der Kristall es war, der ihm all die Freude, das Glück, die Zufriedenheit gegeben hatte.

Als er aus seinem Schlaf erwachte, fiel sein erster Blick auf den Kristall. Das sachte Funkeln war verstummt. Er scharrte ein Loch in den auftauenden Waldboden, stieß den Kristall sanft hinein und bedeckte ihn mit Erde. Keine Traurigkeit die ihn erstarren ließ, weil das Schönste aller Dinge ihm kein Funkeln schenkte. Allein die Gewissheit, dass der Glaube an sich, seine Träume, das Leben und die kurzen, kostbaren Momente der Augenblicke und der Erinnerung es waren, die ihn mit all dem erfüllten, was wir als Glückseligkeit erfühlen.


Neben dem Verfassen von Kurzgeschichten und Gedichten, arbeitet der Autor Marc Steinbach aktuell an seinem ersten Werk und wir dürfen uns auf das freuen, was wir noch von ihm lesen dürfen.


Foto von Madison Inouye auf Pexels

Posted by:Nina Vossschulte