In dieser Weihnachtszeit möchte ich gerne diese wunderbare Geschichte des Autors Marc Steinbach mit euch teilen, die hoffentlich dazu aufruft, nicht nur als Vorsatz für 2020, sondern auch darüber hinaus immer wieder den eigenen Träumen zu folgen. Wartet nicht, bis es zu spät ist. Tut die Dinge, die ihr schon immer tun wolltet. Und vielleicht nutzt ihr dieses Weihnachten als Zeit der Reflexion, um darüber nachzudenken, was ihr eigentlich in eurem Leben erreichen möchtet und was euch glücklich macht. Und seid vor allem, egal wie anstrengend die liebe Familie manchmal sein kann, dankbar für die gemeinsame Zeit mit den Menschen, die euch am Herzen liegen.

Ich wünsche euch schöne Weihnachten, viel Zeit für euch und eure Träume und den Mut eure Komfortzone zu verlassen und diesen wunderbaren Träumen zu folgen. Ich wünsche euch ganz viele schöne und magische Momente mit den lieben Menschen in eurem Leben und dass ihr diese auch im Moment voll und ganz genießen könnt. Und zuletzt wünsche ich euch von Herzen, dass ihr den Mut findet ein Leben zu führen, das euch glücklich macht und immer eurer Freude und eurem Herzen folgt. Frohe Weihnachten und rutscht gut nach 2020!

Ein Tag wie jeder andere

Es war ein kalter nebelverhangener Mittwochmorgen, wie jeder andere Mittwochmorgen in einem, von einem Tiefausläufer gestreiften Gebiet wie New York. Jeder ging seiner Arbeit nach und keiner dachte, daß dieser Tag etwas Besonderes sei. Wieso auch? Es gab ja keine Anzeichen hinter den grauen Häuserkulissen von Manhattan.

Auch Jake Norton dachte so. Er ging wie jeden Morgen in seine kleine Lebensmittelhandlung, sperrte auf und wartete auf Kunden. Es kamen aber um diese Tageszeit, es war acht Uhr morgens, nur wenige Leute in diese Gegend. Wer sollte auch an einem solchen Morgen in einem alten schäbigen Laden Ecke 23. Street West und Eigth Avenue seinen Wochenbedarf an Lebensmitteln decken? Außer den Ratten im Lagerraum wollte niemand an diesem Morgen etwas zu essen haben.

Jake Norton war dreiundvierzig Jahre alt, hatte schwarzes schütteres Haar und war mit seinen 1.70m nicht der Kräftigste. Er hatte aber zu seiner Zeit mit dem Footballteam seiner High School einige landesinterne Wettkämpfe gewonnen. Er war Witwer und hatte keine Kinder. Wie hätte er sich auch Kinder leisten sollen? Bei seinem spärlichen Einkommen reichte es gerade für eine 2-Zimmer Wohnung mit Bad und WC. Er hatte nicht einmal ein Auto, ja selbst ein Mofa wäre zu teuer gewesen. Das einzige Vergnügen, das Jake Norton sich leisten konnte war der wöchentliche Spaziergang durch den Central Park. Aber Jake war zufrieden mit seinem, seinem Leben. Er war schon immer ein anspruchsloser Mensch gewesen. Auch damals hatte es ihm gereicht wenn ihm der Tennisball geschenkt wurde, während seine Brüder einen Fußball und einen Basketball geschenkt bekamen. Was half es ihnen jetzt? Auch sie waren schon tot.

Inzwischen war es im Laden unruhiger geworden. Es war jetzt schon 16.27 Uhr und gerade kam der dritte Kunde. Es war Mrs. Grey. Mrs. Grey kam jeden Tag um das Nötigste einzukaufen.

“Guten Tag, Mrs. Grey. Geht es Ihnen gut?”

Jake wollte die alltägliche Übung nicht aufgeben mit Mrs. Grey eine Konversation anzufangen. Vergeblich. Sie zahlte, nahm die Ware und ging, wie jeden Tag.

Er las seine Zeitung nocheinmal und schaute erst wieder in den Laden als ein paar Halbwüchsige mit schmieriger Elvistolle, Koteletten, Lederjacken und Levis 501 Jeans in den Laden kamen. Sie suchten anscheinend etwas bestimmtes das sie nicht fanden und gingen wieder.

So, Jake hatte noch sechzig Minuten vor sich, dann war es halb acht und er konnte seinen kleinen Laden abschließen, über die Williamsburg Bridge nach Hause gehen, etwas essen, fernsehen und ins Bett gehen, wie jeden Tag. Endlich war es soweit. Jake stand auf, machte den Laden dicht, verriegelte alles im Lagerraum und sperrte ab. Ein letzter Blick auf den beige-grün gestrichenen Laden, dann drehte er sich um und ging.

Er kreuzte die großartige Avenue of America, bog auf den Broadway mit seinen schillernden Leuchtreklamen ein und ging diesen hinunter bis er auf die Abzweigung der Bowery kam. Er bog in die Bowery ein und ging dann auf der Delancey Street weiter, die ihn über die Williamsburg Bridge direkt nach Brooklyn an die Jamaica Bay führte, wo er zwischen all den riesigen Wolkenkratzern seine kleine schäbige Wohnung in einem alten Mietshaus entdeckte. Nun hatte er die Williamsburg Bridge schon fast überquert. Dort wo er jetzt stand war unter der Brücke ein zwanzig Meter tiefer Abgrund der auf der Kent Avenue endete. Da kam ein Auto auf ihn zu. Direkt auf ihn zu. Er hatte Angst. Nur noch zwei oder drei Meter trennten ihn von dem Auto.

Jake Norton sah seinen Laden. Er sperrte ihn auf und konnte seinen Augen nicht trauen. Er stand in einem großen Supermarkt auf dessen Firmenschild “Jake Norton & Bros.” zu lesen war. Seine Frau stand an der Kasse und grüßte ihn. Sein Sohn, der Geschäftsleiter, zeigte seinen Freunden gerade Bilder von der riesigen Villa seines Vaters.

Jake Norton glaubte zu träumen.

Zwei Sekunden später krachte sein splitternder Körper auf den knochenharten Asphalt der Kent Avenue.


Der Autor Marc Steinbach hat diese Geschichte mit 17 Jahren verfasst. Neben dem Verfassen von Kurzgeschichten und Gedichten, arbeitet er aktuell an seinem ersten Werk und wir dürfen uns auf das freuen, was wir noch von dem Autor lesen dürfen.


Foto von Joanna Kosinska auf Unsplash

Posted by:Nina Vossschulte